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Man kann Auftritte von Legenden aus zwei Blickwinkeln betrachten: aus musikalischer und aus emotionaler. Das Eine schließt das Andere natürlich nicht aus, aber ich möchte mich in meinem Bericht von der NNOTP auf ihre Bedeutungskraft in Zusammenhang mit Mike Oldfield beschränken. Schließlich ist die NNOTP kein Wettbewerb sondern eine emotional geladene, musikalische Veranstaltung von erhebender Wirkung, bei der jeder Künstler einen Platz hat und eine Rolle im Gesamtkonzept spielt. Man korrigiere mich, wenn ich da was falsch verstanden habe.
Am 13.12.2006 war Mike Oldfield einer davon. Etwas hat ihn aber dennoch von den anderen unterschieden, und diese Stimmung lag vom Betreten der Halle an in der Luft; unsichtbar, aber zum Greifen nahe: Oldfield war der Star der NOTP. Er stand im Mittelpunkt, obwohl er selbst sich sehr (sehr!) zurückgehalten hat. Und wir beginnen mal mit dem Finale, bei dem Mike – scheinbar aus Überzeugung – in der zweiten Reihe hinter allen anderen Künstlern stand.
Okay, zurück nach vorne. Ich war von der Gelöst- und Entspanntheit Mikes überrascht. Ich habe ihn mir nervöser und unbehender vorgestellt, schließlich ist sein Problem mit Öffentlichkeit ja nicht unbekannt. Man könnte fast von einer in sich ruhenden Lichtgestalt sprechen, die da zunächst mit “Tubular Bells” auf die Bühne kam, nicht mal angekündigt, sondern nur durch die prägnante Pianosequenz “verraten”. Gigantischer Applaus, ein seltsam magisches Gefühl durchschlich die Menge, so auch durch mich, und sichtlich auch durch meinen Begleiter Carsten Grunwald. Allein die Erscheinung Oldfields auf der Bühne ist ein magischer Moment, den ich nur schwer zu beschreiben weiß. Oldfield lächelt milde, freut sich innerlich vermutlich wie ein Kind am Weihnachtsbaum. Gegönnt!
Er hat sich unverkrampft konzentriert, die ersten Griffe auf dem E-Bass nur vorsichtig gespielt. Später wechselt er vom Bass auf die E-Gitarre, und auch hier spielt er – gewollt – unspektakulär. Sofort wird mir klar, daß es hier nicht um die Herausstellung eines Einzelnen geht sondern um das Gesamtwerk Night Of The Proms. Das setzt sich auch bei Ommadawn fort. Auf gewaltige Soli wird verzichtet, manche Parts sogar gar nicht von Oldfield selbst gespielt, denn durch den NOTP “Begleitgitarristen”, der übrigens sehr gut war. In diesen Momenten begleitet Oldfield aber. Warum nicht? Es geht um das Gesamtwerk.
Da die NOTP eben keine Oldfield-Veranstaltung ist, möchte ich gerne jetzt an dieser Stelle etwas auf die anderen Künstler und die Qualität der Show als solches eingehen, denn genau wie bei dem Konzert in Dortmund, ist an dieser Stelle Oldfield-Pause, ganz wie nach “Tubular Bells” und “Ommadawn” in der Halle.
Als Ike Turner die Bühne betrat, beschlichen mich sofort (und ungewollt) die Gedanken an eine geprügelte Tina Turner, ich hatte ernsthafte Probleme, den Mann gut zu finden. So ließ ich mich selbst auch nur verkrampft auf den eigentlichen Act ein. Herauszuheben ist aber ganz sicher seine Sängerin Lyrica, die Sensationelles, sowohl stimmlich als auch von der Bühnenperformance her, geleistet hat.
Weggeblasen war ich von OMD bzw. Andrew McKluskey. Andy hat eine unglaubliche Performance hingelegt, getanzt wie ein Teufel und sich mit einem Höllenspaß verausgabt und die Menge hypnotisch mitgerissen. Unfassbar nach so langer Bühnenabstinenz. Dieser Auftritt hat Riesenlaune gemacht. Großen Respekt und Anerkennung hierfür!
Ebenfalls aus den Socken gehauen hat mich Tony Henry. Breitbandige, voluminöse Stimme, große Schauspielleistung beim “Largo Al Factotum”. Ich hatte später in den Katakomben der Westfalenhalle noch die Möglichkeit, ihn zu treffen, ihm die Hand zu geben und zu sagen “Tony, respect, amazing gig!” Er bedankte sich und humpelte – von Helfern gestützt – weiter fort, denn augenscheinlich hatte er sich auf der Bühne verletzt (bin aber nicht sicher).
Ich gebe es zu: Bei Chico & The Gipsies bin ich aus der Halle (eine rauchen) gegangen. Warum? Es hat mich schlicht nicht interessiert, obgleich ich frenetischen Applaus vernehmen konnte. Den Leuten in der Halle muss es gut gefallen haben.
Das Orchester. Ja, das war ein sauber aufeinander abgestimmtes, wie ein Uhrwerk funktionierendes, nicht starres Gefüge bestehend aus – soweit ich alles überblicken und hören konnte – sehr guten Musikern. In dem Zusammenhang möchte ich sagen, das der Sound in der Halle exzellent sauber, transparent, glasklar und vor Allem nicht zu laut war. Ich hatte den Eindruck, das die Technik hier einen super Job gemacht hat, die Abmische hervorzuheben. Alles war den Hallengegebenheiten entsprechend gut aufgeteilt und ausgerichtet. 9 1/2 von 10 Punkten, wobei der fehlende halbe Punkt in der Natur der örtlichen Gegebenheiten liegt. Das Soundkonzept selbst hat die 10 Punkte verdient.
Miriam Stockley singt wie aus dem Lehrbuch. Alles passt. Von oben bis unten sauber, mit Freude bei der Sache. Viel mehr, aber auch nicht weniger kann ich darüber sagen.
Dann wäre da noch John Miles, dessen Musik nie die meine war, der mich aber dennoch durch eine unerwartete Frische und Kraft begeistern konnte. Besonders gesanglich fand ich das schon ziemlich beeindruckend. Bei “Shadow on the wall” war ich sehr überrascht von der Power, die er dem Stück verleihen konnte, fast so wie im Original. Ich meine sogar behaupten zu können, das John Miles die Nummer noch aufgewertet hat.
Zurück zu Mike, auf dessen folgenden Nummern ich gar nicht mehr so spezifisch, musikalisch eingehen möchte, denn das ist a) nicht nötig und b) auch an der eigentlich Wirkung der Nacht vorbei. Nein, Mike hat sich in dieser Nacht nicht mit vielen Ausnahmegitarristen messen können und wollen. Den einen oder anderen Oldfield-Fan wird das enttäuscht haben. Ich persönlich habe für derartige Meßlatten kein Verständnis. Ein Konzert, egal welches, ist keine Olympiade. Die Ergriffenheit, die Ehrung eines Mannes, eines Genies und seiner Vergangenheit, die überwältigenden Applause und Standing Ovations, das Verweilen in einem Moment der Glückseligkeit – als wollte Mike die Zeit einfrieren – das sind die Dinge, die mich tief bewegt und begeistert haben. Das ehrlich und aus tiefstem Herzen und leise gesprochene “Danke, sehr schön” aus seinem Mund, das Geschenk der Menge an ihn, unsichtbar, das war es, was die NOTP zu SEINER Veranstaltung machte.
Und das ganz aus der Bescheidenheit und dem Hintergrund heraus. Oldfield wurde geehrt, nicht für das was er auf der Bühne zeigte, sondern für die Jahrzehnte der Musik, die die ganze Welt emotional berührt hat.
Ich habe selten erlebt, wie jemandem soviel zurückgegeben wurde, auf so subtile Art.
Nokia Night
Of The Proms = Ein Fest für offene Herzen. Wessen Herz ist soweit?
Abschließender Dank geht an Alex Schweigert, der Dinge aus reiner Liebe zur Sache möglich macht, und an Carsten Grunwald, mit dem ich viel Spaß hatte.
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